Wie wohl die meisten außerhalb Frankreichs war Charlie Hebdo für mich bis letzte Woche unbekannt. Vielleicht habe ich mal davon gehört, vielleicht wurde es mal in einem Halbsatz erwähnt. Doch erst als zwei Terroristen 10 Mitglieder und Mitarbeiter der Redaktion von Charlie Hebdo umbrachten, brannte sich der Name bei mir ein.

Daraufhin gab es eine große Sympathie-Welle, quer über die gesamte Welt. Jeder war plötzlich Charlie. Ich empfand das als ermutigend, die Welt zeigt Solidarität mit einer kleinen und unbekannten Zeitschrift. Doch der Gegenwind ließ nicht lange auf sich warten. Einige sagten offen, sie wären nicht Charlie. Dies waren keine Menschen die in irgendeiner Form den Terroristen nahestehen, sondern ihnen missfiel Charlie Hebdo grundsätzlich. Sie empfanden die Darstellungen dieser Zeitschrift nicht nur als geschmacklos, sondern auch als rassistisch, sexistisch oder/und als islamfeindlich. Dies waren Leute die ich mochte, deren politische Meinung ich meist unterstützte.

Nur wollte ich mehr wissen. Viel mehr. Charlie Hebdo ist eine Satirezeitschrift, ihre Karikaturen kann man nicht wörtlich nehmen genauso wenig, wie man die der Titanic wörtlich nehmen darf. Auch ist Satire wie kaum etwas anderes kontextabhängig. Wer nicht weiß, worauf sich einzelne Elemente einer Karikatur beziehen, wird auch die die Karikatur nicht verstehen. Auch ist es keine Schutzbehauptung von Charlie Hebdo Satire zu sein, sie hat sich nie als etwas anderes als Satire gesehen.

Eine französische Bloggerin hat sich aufgrund des Gegenwindes darüber beschwert, dass viele die jetzt gegen Charlie Hebdo argumentieren, sich nicht einmal die Mühe machen die Karikaturen und ihre Hintergründe zu verstehen, sich nicht die Mühe machen das Umfeld von Charlie Hebdo zu verstehen.

Ich wünschte mir einen differenzierten Blick auf Charlie Hebdo. Es ist eine linke Satirezeitschrift die seit Jahrzehnten Autoritäten ohne Respekt attackiert. Dies kann auch mal sehr geschmacklos sein. Und ich will nicht leugnen, das bei einigen gezeigten Karikaturen ein seltsames Gefühl in der Magengegend hatte und habe. Selbst jetzt wo ich Erklärungen dazu gelesen habe. Und dies ist nicht neu, Kurt Tucholsky schrieb 1919 über französische Karikaturen:

Wir sollten gewiß nicht den scheußlichen unter den französischen Kriegskarikaturen nacheifern, aber welche Kraft lag in denen, welch elementare Wut, welcher Wurf und welche Wirkung! Freilich: sie scheuten vor gar nichts zurück.

Mein Ziel ist es nicht, Charlie Hebdos Arbeit in Schutz zu nehmen oder es zu verteidigen. Und mir ist auch klar, dass Wahrnehmung etwas individuelles ist und viele auch mit Erklärung des Kontexts mehr als nur geschmacklose Karikaturen sehen. Mir geht es aber darum, dass man mit den Worten “Je suis Charlie” eben nicht sich das Gesamtwerk von Charlie Hebdo zu eigen macht, sondern seine Solidarität.

P.S. In der selben Zeit verübte die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram ein Massaker bei dem wohl mehr als 2000 Menschen umgebracht wurden. Dies war in vielen westlichen Medien bloß eine Randnotiz. Von dem was ich in den letzten 7 Tagen über Charlie Hebdo gelernt habe, wäre diese Unverhältnismäßigkeit der Berichterstattung bestimmt ein Thema für die Zeitschrift gewesen.