Ich komme gerade von einer Lesung aus Hamburg wieder. Der Jan-Uwe Fitz hat u.a. wieder von seiner, nach sich selbst benannten, Figur vorgelesen. Viele finden seine Geschichten realitätsfremd oder gar langweilig und nicht das Papier wert auf dem sie gedruckt werden. Ich muss diesen Menschen widersprechen, sehr stark sogar.

Sein erstes Buch Entschuldigen Sie meine Störung beginnt mit einer Reihe von zusammenhangslos wirkenden Kurzgeschichten, die so herrlich überdreht sind, dass mir recht schnell klar wurde, worum es hier geht und auch auch, worum es hier nicht geht. Von einer verfolgten Wanderbaustelle, von einem gestohlenen Balkon, von extrem aufdringlichen Nachbarn oder von Eltern die sich nicht sehnlicher wünschen, dass ihr Sohn ein Versager wird. So sehr diese Geschichten auch fiktiv und halt überdreht sind, so sehr finde ich mich darin wieder. Oder besser gesagt, so sehr habe ich mich in diesen Geschichten wiedergefunden. Denn es sind die Ängste mit denen ich viele Jahre alleine zu Hause saß und nichts damit anzufangen wusste. Und so war das Buch von Fitz für mich auch ein Weg heraus, heraus aus diesen Ängsten. Natürlich geht dies nicht von einem auf das andere Jahr und das Buch kann einem nur eine Tür zeigen. Aber für mich ist diese Tür einer meiner vielen Türen und Wege aus meinem Kokon gewesen.

Heute hat er aus seinem neuen Buch vorgelesen, es heißt Wenn ich eins kann, dann nichts dafür und erscheint am 10. Juni 2013. Dort geht wieder um eine Figur mit dem Namen Jan-Uwe Fitz, natürlich ist auch diese Figur überdreht und so ziemlich surreal, andere (böse) Menschen würde es vielleicht als realitätsfremd bezeichnen. Der Fitz im neuen Buch ist ein selbstständiger Taubenvergrämer und hat so seine Probleme mit den Kunden, und vor allem mit deren Tauben. Er vermeidet Hausbesuche und wenn es denn mal Hausbesuche gibt, dass stellt er fest, dass es gar keine Tauben gibt oder dass er sie lieber füttern als vergrämen möchte. Letztlich setzt er sich in einen taubenfreien Ort in der Schweiz ab. Eigentlich kein gutes Pflaster, um Tauben zu vergrämen. Und doch ein gutes Bild für diese Figur, die vor allem versucht vor allem davon zu laufen und natürlich eingeholt wird. Wie, wenn eine Kriminalkommissarin von Köln in die Eifel zieht und die Mordrate plötzlich steigt, steigt auch die Taubenrate, wenn ein Taubenvergrämer in einen bisher taubenfreien Ort kommt.

So sehr ich mich auch auf das neue Buch von Jan-Uwe Fitz freue und all meine Ersparnisse zum Buchladen tragen werde. So sehr hatte es bereits einen Effekt für mich. Ich bin aus meinem persönlichen Taubenvergrämer/Jan-Uwe Fitz heraus gekommen. Ich verstecke mich nicht mehr in meiner Wohnung, weder vor den Nachbarn, noch vor der Welt. Ich genieße die Lesungen, die meist kleine Twitter-Treffen sind, genauso wie die großen Twitter-Treffen und vor allem genieße ich den direkten Kontakt mit anderen Menschen. Das heißt nicht, dass ich alles überwunden habe, es gibt weiterhin Situationen, in denen ich mich unwohl fühle, wo ich denke, was soll ich hier und was denkt die Person mir gegenüber von mir und ich denke weiter, es wird bestimmt negativ sein. Diese Momente gibt es immer noch aber sie werden weniger. Sie sind nur noch ein kleiner Teil meiner Realität und werden hoffentlich bald auf ein erträgliches Maß reduziert sein.

So gebe ich diesen kleinen 140 Zeichen die ich mir mit anderen Tag für Tag um die Ohren haue eine Mitschuld dafür, dass ich meine Phobien heute bekämpfen kann und hier immer häufiger als Gewinner vom Platz gehe. Mir ist natürlich klar, dass es hier gar nicht, um Twitter geht, es geht um die Menschen denen ich durch Twitter begegnen bin und die ich durch Twitter kennengelernt habe und jene die mich durch Twitter kennengelernt haben.

Diesem Artikel fehlt ein Schluss, das ist Absicht, denn es gibt zum Glück kein Ende.

P.S. Wem das alles zu kitschig oder zu dick aufgetragen ist, gehört nicht zur Zielgruppe dieses Textes. Allen andere Danke ich fürs lesen.