Love Sees No Colour ist ein Lied von U96, welches 1993 erschien. Um was es in dem Stück wirklich geht, sei einmal dahin gestellt. Denn mir geht es um das Musikvideo. In diesem werden Menschen bei unterschiedlichen Aktivitäten gezeigt, allen Menschen ist gemein, dass sie weiß sind. Wenn Liebe keine Farben sieht, sieht sie dann weiß?

Für mich steht dies in der Tradition der sog. Colour blindness. Die Idee, die Hautfarbe anderer nicht mehr wahrzunehmen, sie nicht mehr zu beachten, scheint auf dem ersten Blick eine gute Idee zu sein. Eine Erfüllung antirassistischer Utopien. Martin Luther King sprach die Idee in seiner Rede 1963 direkt an, als er sich wünschte, dass seine Kinder nach ihrem Charakter beurteilt würden und nicht nach ihrer Hautfarbe. Doch dies ist nur der erste Blick. Beim zweiten Blick fällt auf, Colour blindness ist gut gemeint aber definitiv schlecht gemacht.

Als Südafrika vor 20 Jahren die Apartheit rechtlich abgeschafft hat und alle Menschen im Land als gleich definiert hat, wurden jedoch die vier Menschengruppen aus der Zeit der Apartheit weiterhin statistisch erfasst. Sie werden meines Wissens bis heute erfasst und gepflegt. Eigentlich hätte man doch damals diese Gruppen gar nicht mehr erfassen dürfen, oder? Eigentlich hätte doch der südafrikanische Staat blind für die Hautfarbe oder Abstammung seiner Bürger sein müssen, oder?

Hätte Südafrika dies damals getan, wüsste er heute überhaupt nicht, ob sich etwas verändert hat. Er wüsste gar nicht wie die Diskriminierung Schwarzer heute aussieht. Er wäre Blind, nicht nur für die Hautfarbe oder Abstammung seiner Bürger, sondern auch für die Diskriminierung die viele immer noch erleben müssen.

Und genau hier liegt das Problem. Wer die Hautfarben von Menschen nicht sieht, sieht auch nicht, wenn welche wegen dieser Hautfarbe diskriminiert werden. So stellt sich Colour blindness als rassistischer Wolf im antirassistischen Schafspelz dar.

Denn Colour blindness geht von einer utopischen Vorstellung aus. Nämlich der, dass Rassismus etwas ist, welches persönlich überwunden werden kann. Etwas, was nur einen selbst betrifft. Oder, noch schlimmer, die Idee geht davon aus, dass der Rassismus im Großen und Ganzen überwunden wurde. Schönes Beispiel ist hier die aktuelle Entscheidung des Supreme Courts der USA zum Voting Rights Act. Wo besondere Schutzvorschriften mit dem Argument für nichtig erklärt wurden, weil doch der Rassismus überwunden sei. Schon jetzt ist klar, dass es für viele Minderheit schwerer sein wird zur Wahl zu gehen als jetzt. Die Richter wollten es nicht sehen.

So sind wir wieder bei dem Musikvideo von U96. Wer keine Farben sieht, sieht nur noch weiß und die Folgen dieser Sichtweise kann man jeden Tag in den Nachrichten sehen, wenn denn mal darüber berichtet wird. Colour blindness ist eine Utopie. Eine Utopie für die Zeit in der Rassismus wirklich überwunden ist, doch in einer Realität in der Rassismus Alltag ist führt Colour blindness nur dazu, dass auch der Rassismus selbst übersehen wird.